FIDA: Der Weg von Open Banking zu Open Finance
Von PSD2 zu FIDA: Der nächste Evolutionsschritt im europäischen Finanzdatenraum
Mit der PSD2-Richtlinie hat Europa vor einigen Jahren den Grundstein für Open Banking gelegt. Erstmals konnten Kundinnen und Kunden ihre Zahlungskontodaten sicher mit Drittanbietern teilen, um neue Services wie Multibanking-Apps oder alternative Zahlungsdienste zu nutzen. Doch die Finanzwelt besteht längst nicht nur aus Girokonten.
Mit dem geplanten Framework for Financial Data Access (FIDA) geht die Europäische Union nun deutlich weiter: Aus Open Banking wird Open Finance. Das Ziel ist ein sektorübergreifender Rechtsrahmen, der den vom Kunden gewollten Austausch von Finanzdaten über nahezu alle relevanten Finanzprodukte hinweg ermöglicht.

Für Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, FinTechs und andere Marktteilnehmer bedeutet dies einen tiefgreifenden Wandel – regulatorisch, technologisch und strategisch.
Was ist FIDA?
FIDA ist ein Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission, der im Juni 2023 veröffentlicht wurde. Das Vorhaben soll einen europaweit einheitlichen Rahmen schaffen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Finanzdaten kontrolliert und standardisiert mit autorisierten Drittanbietern teilen können.
Im Kern verfolgt FIDA drei zentrale Ziele:
Mehr Kontrolle für Kundinnen und Kunden über ihre Finanzdaten: Finanzdaten dürfen nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Kunden geteilt werden - der Kunde behält die volle Kontrolle.
Förderung von sektorübergreifender Innovation und Wettbewerb: Im Gegensatz zu PSD2 umfasst FIDA den gesamten Finanzsektor - Banken, Versicherungen, Wertpapierfirmen, Pensionsfonds uvm. Das persönliche Finanzbild wird vollständiger, der Nutzen deutlich umfangreicher.
Standardisierung und Kompensation der Datenzugänge: Einheitliche technische Standards und APIs sollen die Interoperabilität zwischen allen Marktteilnehmern sicherstellen. Die Kosten für die Bereitstellung und Nutzung werden fair verteilt.
Während PSD2 Zahlungskonten adressierte, erweitert FIDA den Datenzugang auf nahezu das gesamte Spektrum persönlicher Finanzprodukte.
Der Sprung von Open Banking zu Open Finance
Die vielleicht wichtigste Veränderung durch FIDA ist die massive Ausweitung des Daten-Sharing-Prinzips. Hier eine Aufstellung der Finanzdaten, die unter die Verordnung fallen werden:
Kategorie | Beispiele |
|---|---|
Spar- und Einlagenprodukte | Sparkonten, Festgeld, Tagesgeld |
Investmentprodukte | Wertpapierdepots, Fondsanteile, ETFs |
Krypto-Assets | Kryptowährungen und digitale Vermögenswerte |
Versicherungen | Lebens-, Sach- und Krankenversicherungspolicen |
Altersvorsorge | Betriebliche und private Pensionsprodukte |
Immobilienfinanzierung | Hypotheken und Baukredite |
Kredite | Verbraucher- und Ratenkredite |
Damit entsteht erstmals die Grundlage für einen ganzheitlichen Blick auf die finanzielle Situation von Privat- und Geschäftskunden (insbesondere Selbständige und KMU).
FISPs: Neue Akteure im Open-Finance-Ökosystem
Das Nutzungsrecht an den Daten unterliegt konkreten Anforderungen. FIDA führt eine neue regulierte Dienstleisterkategorie ein: die Financial Information Service Providers (FISPs). Diese dürfen nach ausdrücklicher Zustimmung der Kunden Finanzdaten aus verschiedenen Quellen abrufen, konsolidieren und verarbeiten.
Mögliche Rollen von FISPs:
Finanzübersichtsplattformen
Digitale Vermögensberater
Kreditwürdigkeitsanalysen
Versicherungsvergleichsplattformen
Personalisierte Finanzplanungsdienste
Damit schafft FIDA eine neue Marktrolle, vergleichbar mit den Third Party Providers (TPP) mit Account Information Services (AIS) aus PSD2, jedoch mit deutlich größerem Datenspektrum.
Das Kompensationsmodell: Ein wesentlicher Unterschied zu PSD2
Eine wichtige Neuerung betrifft die wirtschaftliche Struktur des Datenzugangs. Während PSD2 den kostenlosen Zugang zu Zahlungskontodaten vorschrieb, sieht FIDA eine angemessene Vergütung für Datenhalter vor.
Die Logik dahinter: Die Bereitstellung von Finanzdaten über standardisierte Schnittstellen verursacht Kosten – für Infrastruktur, Sicherheit und Compliance. FIDA erkennt dies an und erlaubt den Dateninhabern, von den FISPs eine faire Kompensation zu verlangen. Die genauen Bedingungen werden innerhalb der branchengeführten Datenaustausch-Schemata festgelegt.
Dieses Modell soll einen nachhaltigen Anreiz für alle Marktteilnehmer schaffen und die Qualität der bereitgestellten Daten sicherstellen.
Schemes und Standards: Warum Interoperabilität entscheidend wird
FIDA setzt auf marktgetriebene „Financial Data Sharing Schemes“.
Diese branchenspezifischen oder sektorübergreifenden Modelle sollen Standards definieren für:
APIs / Schnittstellenspezifikationen
Datenformate und semantische Standards
Sicherheitsanforderungen
Consent-Management
Governance-Regeln
Die Schemata werden von den Mitgliedern der jeweiligen Branchensegmente selbst entwickelt, müssen aber regulatorische Mindestanforderungen erfüllen. Finanzinstitute und FISPs sind verpflichtet, mindestens einem zugelassenen Schema beizutreten. Dieser Ansatz soll Flexibilität mit Standardisierung verbinden und die praktische Umsetzung beschleunigen. Und die Tatsache, dass alle Marktteilnehmer an einem Tisch sitzen, wird sicherstellen, dass die Interessen aller berücksichtigt werden. Nur so kann FIDA erfolgreich werden.

Zentrale Use Cases von FIDA
Das Potenzial von FIDA liegt weniger in der Regulierung selbst als in den daraus entstehenden Anwendungsfällen. Einige Beispiele:
Aggregierte Finanz-Dashboards: Eine einzige Übersicht über alle Konten, Depots, Versicherungen und Kredite – institutsübergreifend
Personalisierte Finanzberatung: Bessere Beratungstools und maßgeschneiderte Empfehlungen basierend auf vollständigen Finanzprofilen.
Verbesserte Kreditwürdigkeitsprüfung: Ganzheitlichere Bonitätsbewertung auf Basis breiterer Finanzdaten.
Versicherungsvergleich: Automatisierter Vergleich bestehender Verträge mit Marktangeboten auf Basis realer Vertragsdaten sowie individuellere Policen.
Vermögensverwaltung: Ganzheitliche Portfolioanalyse über verschiedene Anlageklassen und Anbieter hinweg
Altersvorsorge-Planung: Konsolidierte Übersicht über alle Vorsorgeprodukte zur besseren Ruhestandsplanung.
Im Gegensatz zu PSD2-Open-Banking, wo die Kunden auch aktiv werden können (z.B. eine Zahlung veranlassen), beschränkt sich FIDA zunächst auf das Abrufen von Daten. Zum Start wird es also nicht möglich sein, über FIDA bzw. Open-Finance-Schnittstellen Finanzprodukte zu kaufen oder Versicherungsverträge zu kündigen.

Zeitplan: Wann kommt FIDA?
Erstmals veröffentlicht wurde der FIDA-Vorschlag durch die EU-Kommission 2023. Eine Finalisierung der Verordnung ist für ca. 2026-2027 zu erwarten. Darauf aufbauend kann mit einer Umsetzungsfrist und Anwendungsbeginn von ca. 2027-2030 ausgegangen werden. Der genaue Zeitplan hängt vom Fortschritt der Trilog-Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat ab.
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